Mit einer Katze ist das Kratzen am Sofa schon eine Herausforderung. Mit zwei oder mehr Tieren wird es komplizierter – nicht unbedingt, weil jede Katze mehr kratzt, sondern weil die Dynamik zwischen den Tieren das Kratzen in eine ganz andere Richtung lenken kann.
Wer in einem Mehrkatzenhaushalt lebt und beobachtet, dass das Sofa stärker beansprucht wird als früher, liegt oft mit der Vermutung richtig, dass hier mehr dahintersteckt als einfach nur Krallenpflege.
Kratzen als soziales Signal
Im Mehrkatzenhaushalt ist Kratzen selten nur eine körperliche Notwendigkeit. Es ist gleichzeitig Kommunikation. Katzen hinterlassen beim Kratzen Duftsignale aus den Pfotenballen – für andere Katzen lesbare Botschaften über Anwesenheit, Status und Revieransprüche.
Wenn eine Katze in einem Haushalt mit Artgenossen am Sofa kratzt, sagt sie damit auch etwas aus. Die zweite Katze reagiert möglicherweise mit eigenem Kratzen an derselben oder einer benachbarten Stelle – um die eigene Markierung zu setzen oder die der anderen zu überlagern. Das kann sich aufschaukeln: Beide kratzen mehr, weil das Sofa zum Ort eines stillen sozialen Austauschs wird.
Welche Katze kratzt mehr – und warum
In einer Gruppe von zwei oder mehr Katzen gibt es fast immer Rangordnungen, auch wenn sie nach außen hin kaum sichtbar sind. Die dominantere Katze neigt dazu, an prominenten, zentralen Stellen zu kratzen – eben dort, wo der Duft am besten wahrgenommen wird und die eigene Präsenz am deutlichsten signalisiert wird. Das Sofa ist dafür ideal.
Eine weniger selbstbewusste oder jüngere Katze kratzt möglicherweise seltener, aber an anderen Stellen – oder überhaupt nicht am Sofa. Wer genau hinschaut, wird oft sehen, dass es eine der Katzen ist, die die bevorzugte Sofaecke dominiert.
Wenn zu wenige Kratzmöglichkeiten vorhanden sind
Das ist eine häufige und unterschätzte Ursache für verstärktes Kratzen am Sofa im Mehrkatzenhaushalt. Eine einzelne Kratzmöbel für zwei oder drei Katzen reicht schlicht nicht aus – nicht wegen der Kapazität, sondern wegen der sozialen Dynamik.
Wenn die ranghohe Katze den Kratzbaum besetzt oder dominiert, bleibt der anderen keine Alternative. Das Sofa wird dann zur Ausweichoption. Die Faustregel in der Verhaltensforschung lautet: mindestens eine Kratzmöglichkeit pro Katze, besser etwas mehr, verteilt auf verschiedene Räume und Positionen.
Was hilft – konkret
Mehr Kratzmöglichkeiten aufstellen – und zwar verteilt. Nicht alle im selben Raum, nicht alle neben dem Sofa. Je nach Wohnungsgröße ist es sinnvoll, in jedem Raum, in dem die Katzen viel Zeit verbringen, mindestens eine Option anzubieten.
Unterschiedliche Formate können dabei helfen: Ein Kratzbaum in einem Zimmer, ein Wandkratzbrett im anderen, eine Kratzmatte unter dem Fenster. Katzen entwickeln individuelle Vorlieben – was der einen gefällt, ignoriert die andere vielleicht komplett.
Gleichzeitig ist das Sofa vorübergehend weniger attraktiv zu machen – mit doppelseitigem Klebeband an den bevorzugten Stellen. Das bricht die Gewohnheit, ohne die Tiere zu bestrafen.
Ein Punkt, der oft übersehen wird
Wenn die Tiere sich nicht gut verstehen – wenn es Spannungen, Revierkonflikte oder Unsicherheiten zwischen den Katzen gibt – wird sich das fast immer in vermehrtem Kratzen, Markieren und anderen Verhaltensauffälligkeiten ausdrücken. Das Sofa kratzt dann nicht die entspannte Katze, sondern die angespannte.
In solchen Fällen ist das Kratzen nur ein Symptom. Die eigentliche Frage ist, wie es den Tieren miteinander geht – und ob die Wohnsituation so gestaltet ist, dass alle Katzen genug Rückzugsmöglichkeiten, eigene Ressourcen und ausreichend Abstand haben. Das löst mehr als jedes Klebeband.
